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Leseprobe:
Text Copyright Thomas Haltner
veröffentlicht: Abenteuer und Reisen 12/2007
Zweimal so groß wie Australien und im Winter mit eisigen Temperaturen
von bis zu minus 70°C gebeutelt. Bewohnt von nur 1.000
Wissenschaftlern, dafür aber von mehr als 30 Millionen Pinguinen
bevölkert. Fas-zinierende Eislandschaften und atemberaubende
Tierbegegnungen - die Antarktis ist ein Kontinent der Superlative und
eines der spannendsten Reiseziele unserer Zeit.
Faszination Antarktis – ein exklusives Vergnügen
Mit der MS Hanseatic ins ewige Eis
„Der erste Vogel fängt den Wurm“ und heute fängt ihn Petra aus
Darmstadt. Schon früh um vier hat sie sich aus dem Bett geschält,
wandert unruhig auf und ab und hält Ausschau. Die Programmankündigung
des gestrigen Abends war vielversprechend. Heute ist der Tag, an dem
wohl der erste Eisberg gesichtet wird und wer die Meldung als Erster an
den Kapitän weitergibt, erhält eine Flasche Champagner edelster
Qualität. Am liebsten würde sie gerade wieder ins warme Bett zurück,
blickt mittlerweile seit zwei Stunden in eine unendlich weite graue
Fläche, als ein kleiner Fleck am Horizont ihr Interesse weckt. „Ist es
einer, ist es keiner, ja es ist einer!“. Jetzt heißt es schnell sein,
ab durchs Treppenhaus und ohne Anklopfen in die Brücke: „Eisberg,
Eisberg – ich habe einen Eisberg gesehen.“
Noch gestern war alles schlecht: missmutige Gesichter wohin man
blickte. Schwere, graue See rollte seit zwei Tagen auf das Schiff
heran, die Nerven waren angespannt. „Lohnen sich diese Strapazen?“ Doch
auf einmal ist alles wie verändert, der erste Eisberg ist gesichtet –
niemand, der jetzt nicht schnell in seine Klamotten schlüpft und sich
beeilt an Deck zu kommen. Noch ist der Eisberg nur in weiter Ferne
auszu-machen, doch der kleine weiße Punkt wird größer und größer, baut
sich schließlich direkt neben dem Schiff auf. Gigantische 70 Meter ragt
der Koloss jetzt aus dem Meer – eine gewaltige Masse aus
bläulich-weißem Eis. Plötzlich ein lautes Krachen; ein Stück von der
Größe eines Schlafzimmerschranks löst sich und stürzt donnernd ins
Meer. Wasserfontänen spritzen turmhoch in die Luft und selbst das
Eismeer scheint zu kochen. Alle Kreuzfahrer, die das Schiff hergibt,
haben sich mittlerweile trotz Sturm in der Ei-seskälte an der Reling
versammelt, ein jeder bewaffnet mit Kamera oder Ferngleis, keiner der
nicht den obligatorischen roten Leihparka zum Schutze vor der Kälte
trägt. Endlich scheint die unerträgliche An-spannung der langen Anreise
von allen abzufallen, endlich sind wir da, endlich geht die Reise
richtig los.
Ziehen die Eisberge am Schiff vorbei, ist es bis zum Festland nicht
mehr weit. Doch erst dann wird ent-schieden, welche Ausflüge die
Wetterlage letztendlich zulässt. An Land geht es nur dort, wo Kapitän
Ulf Wolter und Expeditionsleiter David Fletcher für ihre MS Hanseatic
und für die Gäste keine Gefahr sehen. Die See ist zu rau, der Nebel zu
stark - da kommt es schon mal vor, dass sehnsüchtig erwartete
Anlan-dungen plötzlich ausfallen. Es kann Seetage auf einer
Antarktis-Kreuzfahrt geben, die sind übel, oft im wahrsten Sinne des
Wortes. Irgendwie gehen solche Momente vorbei, mit Hilfe von Bordarzt
Dr. Holger Dietz oder Unterstützung des Barkeepers und auch Kapitän Ulf
Wolter findet seinen Weg aus der Tief-druckzone. Schon der nächste
Morgen entschädigt dann und die Kreuzfahrer erleben Momente
einzigarti-ger Schönheit. Nie gesehene spektakulärste
Landschaftsszenarien, dramatische Tierbegegnungen, Licht-spiele von
erhabener Schönheit. Die Schöpfung zeigt sich von ihrer göttlichsten
Seite und der Gast in die-ser exotischen Welt sitzt als Kaiser in der
besten Loge des Universums. Stunden, die im Minutentakt
da-hinzuschmelzen scheinen, sich unauslöschlich ins Gedächtnis
einbrennen.
Es sind diese antarktischen Momente, die aus unsicheren „First-Timern“,
die bei den Kreuzfahrtgesell-schaften so beliebten „Repeater“ machen.
Menschen, die alles dafür geben, dieses erste Erlebnis einmal zu
wiederholen. Antarktis-Fans, die sich über Jahre hinweg, jeden Euro vom
Munde absparen, um erneut eine Passage zu buchen. Eine gewisse
Grundpotenz in der Geldbörse gehört dabei allerdings dazu. Je nach
Länge der Tour und Kabinentyp, können bei einem Luxusschiff, wie der MS
Hanseatic, schon mal Beträge bis 25.000.- Euro fällig werden. Pro
Person versteht sich und ohne die Kosten für den abendlichen Wein,
wobei der dann wohl auch nicht mehr ins Gewicht fällt. Dafür ist die
Hanseatic dann aber auch das beste der Schiffe, das im Südpolarmeer
operiert. Die exklusivste Ausstattung, den wünschenswertesten Service,
die kompetentesten Lektoren und vor allem die beste Küche. Hummer und
Kaviar kein Problem – Fünf-Sterne-Gourmet-Essen von morgens bis abends,
auf Wunsch auch nachts. Eine Kombüse, von der die ersten
Antarktis-Reisenden geträumt hätten, wie Lektor Dieter Gauss erzählt.
Noch vor nicht einmal hundert Jahren mussten die im Rennen um den
ersten Mensch am Südpol unglücklichen Zweiten, Robert F. Scott und
seine Männer, ihre Zugpferde verspeisen, um letztendlich dann doch noch
an Skorbut zu ster-ben.
Robert F. Scott und Roald Amundsen wagten sich 1911 bei ihrem
abenteuerlichen Wettrennen 1.400 km tief hinein ins Landesinnere, einen
Platz den ein Antarktis-Kreuzfahrer nie zu sehen bekommt. In der Re-gel
operieren alle Kreuzfahrtschiffe nur im Gebiet der Antarktischen
Peninsula, diesem kleinen Zipfel des riesigen Kontinents, der
Südamerika am Nächsten ist. Port Lockroy, Brown Bluff, Paulet Island,
Curverville Island oder die Paradise Bay sind die bekanntesten
Anlandungsstellen. An einen dieser Plätze kommt man auf jeder Tour und
mit jedem Schiff. Überall erwarten die Kreuzfahrer große
Pinguin-Kolonien, manchmal auch kleine wissenschaftliche Stationen.
Deception Island ist eine der größten Kraterinseln der Welt. Durch eine
schmale Einfahrt fährt die MS Hanseatic mitten in den überfluteten
Krater der Insel. Schlauchboote, sogenannte Zodiacs bringen uns an
Land, zum Sightseeing und zum Baden. Auf dieser Vulkaninsel ist der
einzige Badeplatz der Antarktis. Crewmitglieder schaufeln eine Kuhle in
den schwarzen Sand, die sich langsam mit lauwarmem Wasser aus dem
Untergrund füllt. Trotz Kälte und Wind werfen ei-nige Gäste schnell die
Klamotten ab, um in den Mini-See einzutauchen, ganz Mutige baden sogar
im Meer.
Schnell ist dieser Badespass vorbei, Schlag auf Schlag werden die
Anlandungsstellen angelaufen, nach Möglichkeit zwei am Tag. Denn mehr
als fünf bis sieben reine Tage in der Antarktis sind bei den meisten
Trips nicht drin, der Rest einer 14-Tage-Buchung geht für die Anreise
drauf. Bei einer dreiwöchigen Tour werden dann neben der Antarktis eben
noch die Falkland-Inseln oder im Optimalfall Südgeorgien angelau-fen.
Als subantarktische Insel ist Südgeorgien ein einzigartiges
Naturparadies. An den Stränden von Gold Harbour oder Salisbury Plain
leben neben großen Kolonien von See-Elefanten und Robben unzählige
Kö-nigspinguine. Bis zu einem Meter groß werden die ausgewachsenen
Tiere, neugierig und ohne jede Scheu reagieren sie auf den Besuch der
Touristen. Auf Prion Island werden in kleinen Gruppen die Brutplätze
der Wanderalbatrosse besucht und in der alten verfallenen
Walfangstation Grytviken das Grab des Antarktis-Forschers Sir Ernest
Shakelton. Traditionell hält hier Hanseatic - Kapitän Ulf Wolter nach
einem alten Seemannsbrauch eine kurze Rede, die Kreuzfahrer stoßen mit
einer Flasche Rum auf das Wohl von Sha-kelton an, der dem Alkohol nicht
abgeneigt gewesen sein soll. Man streift durch die Ruinen der
verfallenen Station, besucht die alte Kirche und das kleine Museum mit
Shop. Eine willkommene Gelegenheit endlich Souvenirs zu erwerben und
Postkarten nach Hause zu versenden. Südgeorgien alleine würde schon die
weite Reise lohnen, Kombinationstouren Antarktische Halbinsel mit
Südgeorgien sind darum besonders beliebt und manchmal schon zwei Jahre
im Voraus ausgebucht.
Wenigen Touristen bleibt Südgeorgien und die Antarktis vorbehalten. Nur
ein Mensch von mehr als einer Millionen Erdbewohnern sieht jemals in
seinem Leben den Sechsten Kontinent mit eigenen Augen, wenn man den
Statistikern glauben darf. Der südlichste Kontinent ist heute das
einzige noch intakte Ökosystem unseres geschundenen Planeten. Seine
Unzugänglichkeit, die bizarren Eislandschaften und die faszinie-rende
Tierwelt machen die Antarktis zu einem der letzten Mysterien unserer
Zeit. In der einzigartigen Stille dieser Landschaft fühlt man sich
fernab von allem, eins mit sich und der Natur. Wahrlich ein exklusives
Vergnügen.
Thomas Haltner
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